Lydia Martin oder: Wie ich lernte, Teen Wolf zu lieben.

(c) Romy Wolf

(c) Romy Wolf

Vor ein paar Wochen hatte ich Urlaub. Und wie das dann so ist, wenn ich Urlaub habe, nutze ich die Gelegenheit in erster Linie, um nichts von dem zu tun, was ich mir vorgenommen habe und stattdessen irgendeine Fernsehserie im Marathonverfahren zu schauen. In diesem Jahr traf es Teen Wolf (ja, schlagt ruhig die Hände über dem Kopf zusammen, ich bereue nichts, vor allem nicht Derek). Während ich mich mit einer Mischung aus Unglauben, Kopfschütteln und Faszination durch die Folgen arbeitete, wurde mir vor allem eines klar: ausgerechnet Teen Wolf hat eine der coolsten Frauenfiguren, die mir seit langem im Fernsehen begegnet ist.

Lydia Martin ist ein Girlie Girl wie es im Buche steht: Hübsch, stets perfekt gekleidet und mit einer Frisur, auf die so mancher Star bei der Oscar-Verleihung neidisch wäre. Lydia liebt Jungs und Schuhe und weiß, wie toll sie aussieht. Natürlich ist niemand Geringeres als der Captain des Lacrosse-Teams ihr fester Freund. Lydia ist der Inbegriff des verwöhnten Dummchens, das Klamotten liebt aber in etwa so schlau ist wie eine Reihe Salat. Sollte man meinen. Haben wir schließlich in anderen Serien und Filmen oft genug so gesehen.

Genau an dieser Stelle sitzt der Twist: Lydia ist alles andere, als dumm oder naiv. Wieder und wieder lassen die Drehbuchautoren uns wissen, dass Lydia vermutlich der klügste Kopf an der ganzen Schule ist, vielleicht sogar hochbegabt. Wir sehen Lydia, wie sie als einzige im Chemieunterricht beiläufig die Aufgaben löst und aus dem Stegreif einen Molotowcocktail basteln kann; fast gelangweilt erwähnt sie im Beisein ihrer Freundin, dass sie Altlatein beherrscht. Die Figur so anzulegen ist ein Geniestreich, scheint Hollywood doch der Meinung zu sein, dass Mädchen entweder hübsch und gestylt oder klug und witzig sein können. Lydia Martin ist beides. Sie schert sich nicht darum, ob man sie für naiv hält, nur weil sie schöne Kleider mag. Sie ist kein Stereotyp. Sie ist sie selbst.

Und noch etwas fand ich bemerkenswert: Nachdem Lydia in einer Folge fast von einem Bösewicht erwürgt wurde, kommt ihre Mutter am nächsten Tag zu ihr und will die Striemen und Blutergüsse überschminken, damit ihre Tochter in der Schule nicht angestarrt wird. Lydia lehnt mit den Worten ab, dass man versuchte habe, sie zu töten und sie habe das überlebt, warum solle sie das verstecken? Diese simple Botschaft ist mit das Beeindruckendste, was ich in letzter Zeit aus dem Mund einer Frauenfigur gehört habe und definitiv nicht in einer Serie wie dieser erwartet hätte: Schlimme Dinge passieren und man braucht sich nicht dafür schämen. Ich hoffe wirklich, dass sich viele Zuschauer der eigentlichen Zielgruppe diese Worte zu Herzen nehmen. Lydia mag nicht mit Pfeil und Bogen auf Werwolfjagd gehen, wie ihre Freundin Allison das tut, aber sie verfügt über eine innere Stärke und Weitsicht, die der Figur eine wirkliche Vorbildfunktion gibt, ohne dabei in gängige Klischees abzurutschen.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich hin und wieder selber Probleme damit habe, gut gezeichnete Frauenfiguren zu entwerfen. Das liegt mitunter daran, dass es unfassbar schwer ist, bei Frauenfiguren Stereotypen zu umschiffen ohne dabei in das nächste Klischee zu rutschen. Ich hätte gerne mehr Figuren wie Lydia in meinen Büchern. Figuren, die mit den Klischees und Erwartungen der Leser spielen und sie doch immer wieder überraschen. Denn man mag von Teen Wolf halten, was man will – Lydia rockt. Und auch das so völlig beiläufig, denn schließlich könnte sonst ihre Wimperntusche verlaufen.

 

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